Schnittmusterzeichnen Workshop – Eine Erfahrung

Wer viel näht, dem kommt über kurz oder lang der Gedanke, Schnittmuster selber zu erstellen. Dieser Gedanke kam mir selber sehr rasch, war doch mein erstes ordentlich genähtes Kleid, ein Mischung aus nachnähen eines vorhandenen Kleides mit einer Abwandlung des Rückens. Weniger wegen der Passform (mit einer erfahrenen Schneidermeisterin im Nähkurs wird das schnell behoben), sondern mehr weil mich die Technik dahinter reizte.

Durch einen Zufall stolperte ich auf der Suche nach Schnittmusterpapier in einer Rolle über die Seite von Müller und Sohn. Neben dem Papier landete auch eine Rundschau Damenmode und Das Schweizer Schnittsystem im Warenkorb.

Ein erster Blick hinein: seeeeehr kompliziert schaut das aus und so viele Masse wollen die dafür und erst recht die Arbeitsanleitung. Schlussendlich meldete ich mich für einen Schnittmusterzeichnenworkshop an. Bevor ich irgendenein Murcks fabriziere und frustiert bin, wollte ich es mir zuerst von einem Profi erklären lassen.

Schnittmusterzeichnen-Workshop

Und so ging es gleich am Ersten von drei Samstagen an die Konstruktion einer Hose (einen gut sitzenden Hosenschnitt zu finden ist oft schwierig). Das Feld der Kursteilnehmer war bunt gemischt von einer skurrilen Engländerin über „noch nie genäht“ bis zu Vielnähern, die trotzdem irgendwie keine Ahnung hatten was sie tun.

Vor dem Konstruieren wurde noch schnell vermessen, überraschenderweise nur sehr wenige Masse – ich hatte viel, viel mehr erwartet. Und schon startete das Zeichnen. Hierbei merkte man sehr schnell, wer ein Gefühl für Geometrie, Mathemtik und Formen hatte. Da ich die Schnellste war, hatte ich mich dann nach Vorschlag der Kursleiterin selbstständig durch die Anleitung gearbeitet. Als die Abnäher am Schluss konstruiert wurden, merkte man wie unterschiedlich die Proportionen sind. Sehr schmeichelhaft und positiv von der Kursleiterin formuliert: sehr schmale Taille (ich) oder sehr schlanke Hüfte.

Schnittmusterzeichnen-workshop-hose-unicut

Durch einen Rechenfehler brüteten die Kursleiterin und ich ewig über die Aufteilung der Abnäher -ein Taschenrechner/Handy ist sehr wichtig, außer mann rechnet gerne und gut im Kopf. Schlussendlich hatte am Ende des ersten, sehr rasch verflogenen Tages jeder einen fertigen Hosenschnitt. Nach diesen Schnitt sollten wir dann zuhause einen Prototypen nähen. Denn ein nach meinen eigenen Massen konstruiertes Schnittmuster bedeutet nicht, dass der Schnitt gleich ohne Anpassungen perfekt sitzt.

Motiviert vom ersten Schnittmusterzeichentag hatte ich zuhause das Schweizer Schnittsystem zur Hand genommen und einen Rockschnitt und ein Oberteil konstruiert. Die Anleitung war für mich nicht immer sehr logisch, oft hatte sich etwas erst im nachhinein ergeben. Zusätzliches waren auch die 1/4 Schnittmuster sehr hilfreich um mal nachzusehen wie das eigentlich ausschauen sollte und wo denn ein bestimmter mysteriöser Punkt sein sollt. Sowohl der Rock als auch der Oberteilschnitt schauten brauchbar aus.

Am zweiten Samstag wurde dann die Passform der Hosen geprüft und bei Bedarf eine Korrektur gemacht. Bei mir war es nur eine Anpassung der Hüftkurve (keine sonderliche Überraschung für mich). Auch bei den anderen Kursteilnehmerinnen waren es nur kleine Korrekturen. Vielleicht ist es mir auch nur so vorgekommen, da die Kursleiterin gleich fachmännisch die Probleme erkannt hat und korrigiert hat.

Danach sollten wir alle von mitgebrachten Kleidungsstücken den Schnitt abnehmen. Hier habe ich dann eine neue Version vom Schnittmuser abnehmen kennengelernt. Einen bereits angefangenen Schnitt habe ich mitgenommen und in diesen Kurs fertig gestellt. Mit der Kursleiterin kontrollierte ich die beiden zuhause konstruierten Schnitte. Bis auf eine Kleinigkeit hatte ich keinen Fehler gemacht. Hausaufgabe dieses Mal: von Rock und Oberteil ein Modell zu nähen

schnittmusterzeichnen-workshop-unicut-rock

Am letzten Kurstag arbeitenden die Kursteilnehmerinnen individuell weiter. Ich passte meine genähten Modelle an. Auch hier war bei Rock und Oberteil nur eine kleine Korrektur im Rücken notwendig und eine leichte Aufspreizung im Hüftbereich. Diese Körperform mit kleiner Oberweite mit ausladender Hüfte wird sogar im Buch Schweizerisches Schnittsystem unter verschiedene Körperstellungen besprochen (genauso wie noch andere Varianten).

Von der Passform des Oberteiles bin ich einfach nur begeistert und die vier seeeehr langen, senkrechten Abnäher sind wirklich sehr schmeichelhaft. Ich denke ich muss nach diesen Schnitt ein schickes Etuikleid nähen.
Ein Etuikleid ist nach dem Schnitt noch nicht entstanden aber eine aber rotes Abendkleid.


Fazit: Der Kurs war durchaus interessant. Besonders der erste Tag mit der Hosenkonstruktion. Für Tag zwei und Tag drei hätte es für mich mehr „Programm“ geben können.

Material:
Grosses Geodreieck, Massband, Rechner, Bleistift, Radiergummi, Schere, Klebeband, ausreichend Papier und Schneiderlineal und/oder  ein Kurvenlineal (20-30 Euro)


Übliche Schnittsysteme

Unicut: Nach diesen Schnittsystem haben wir im Kurs gearbeitet. Ein einheitliches Schnittzeichnen für Herren und Damenmode nach Robert Rähle (die Schweizer Textilfachschule und die Schweizerische Bekleidungsfachschule arbeiten mit diesen System). Es werden viele Basiswerte verwendet (viele Personen vermessen und ein Durchschnittswert ermittelt, der nahezu jeden passt.)

Schweizer Schnittsystem: Ein Schnittsystem, dass noch viel mehr mit den Individuellen Massen arbeitet. Das Grundprinzip ähnelt aber dem Unicut.

Müller und Sohn: Ein sehr weit verbreitetes und etabliertes System mit dem viele arbeiten. Ich kenne das System bisher nur aus der Zeitschrift Rundschau Damenmode und habe noch nichts danach konstruiert, steht aber  noch auf den Plan.

Natürlich es gibt es noch mehr Systeme, diese sind jedoch die gebräuchlichsten im deutschsprachigen Raum verwendeten Systeme. Für schnelle und unkomplizierte Änderungen an einem Basis Kleiderschnitt eignet sich wunderbar das Buch Kleider nähen von Tanya Whelan.

 

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2 Gedanken zu “Schnittmusterzeichnen Workshop – Eine Erfahrung

  1. Ich bin auf dieses Post erst nach deinem Beitrag zum MMM 1. März aufmerksam geworden. Danke für den Bericht. Sehr interessant. Und schnell bist du. Ich war vor einiger Zeit in der Heide zu einem ähnlichen Kurs und habe seit dem Interesse daran die verschiedenen Schnittsysteme kennenzulernen. Über das Schweizer System gibt es wenig Informationen.
    Schöner Gruß Mema

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    1. Hallo
      Also ich hab bis jetzt nur mit Unicut und dem Schweizer Schnittsystem gearbeitet. Was typisch ist für das Schweizer schnittsystem ist das es mit sehr individuellen Maßen arbeitet. Bevor man anfangen kann, muss man sich von Kopf bis Fuß vermessen. Bis auf wenige Angaben arbeitet man nur mit seinen eigenen Maßen, da ist es natürlich gefährlich wenn man sich vermisst das am Ende der Schnitt schief wird. Beim Konstruieren Schnitt waren bei dem Oberteil als auch Rock nur sehr geringe Änderungen notwendig. Mehr habe ich noch nicht danach gezeichnet. Allerdings ist die Anleitung sehr knapp, d.h. ganz ohne Erfahrungen kommt man nicht so schnell voran. Im Basis Buch sind die Anleitung für eigentlich alles drinnen was man braucht. Soweit ich weiß wird das Schweizer Schnittsystem auch in der Lehrlingsausbildung verwendet, ist also wirklich ein richtiges Fachbuch, nichts mit Farbe und Schnickschnack
      Ich hoffe ich konnte helfen.
      Lg Sabine

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